Der Juni 2026 war dem Deutschen Wetterdienst (DWD) zufolge mit im Mittel 19,5 Grad der zweitwärmste seit Messbeginn. © IMAGO/Panama Pictures/Christoph Hardt
Die historische Juni-Hitzewelle brachte Europa Rekordtemperaturen, doch noch immer zweifeln Menschen am Klimawandel. Ein Klimaforscher erklärt, was an den gängigsten Behauptungen dran ist – und was nicht.
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Julia Wolfer sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfliessen. Informiere dich über die verschiedenen journalistischen Textarten.
Europa hat Ende Juni eine historische Hitzewelle erlebt: Weite Teile des Kontinents ächzten unter Temperaturen von über 35 Grad, an mehreren Orten wurden Hitzerekorde geknackt. Trotzdem gibt es noch Menschen, die einen Zusammenhang mit dem menschengemachten Klimwandel nicht wahrhaben wollen – oder ihn leugnen.
24 Prozent der Deutschen sind laut einer repräsentativen YouGov-Umfrage der Ansicht, dass die Juni-Hitzewelle nichts mit dem Klimawandel zu tun hatte. 30 Prozent zweifeln laut einer weiteren Umfrage grundsätzlich daran, dass der Mensch überhaupt für den Klimawandel verantwortlich ist.
Sie sind eine Minderheit – doch ihre Argumente tauchen immer wieder in der öffentlichen Debatte auf. Damit ist auch Prof. Dr. Christoph Gornott, Arbeitsgruppenleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor an der Universität Kassel, konfrontiert. Mit ihm haben wir die gängigsten Klima-Mythen diskutiert.
Mythos 1: "Hitzewellen gab es schon früher – das hat nichts mit der Klimakrise zu tun"
Wer das sagt, erinnert sich vielleicht noch an die Hitzewelle von 1976: Damals waren laut "Kachelmannwetter.com" weite Teile Europas von Dürre betroffen, im Westen und Südwesten Deutschlands herrschten über zwei Wochen lang 30 Grad und mehr. "Hitzewellen gab es schon immer, das stimmt", sagt Christoph Gornott. Der entscheidende Unterschied sei jedoch, dass solche Hitzephasen heute deutlich häufiger, länger und intensiver seien. "Und das können wir ganz klar auf den menschengemachten Klimawandel zurückführen", sagt Gornott.
Dass Hitzewellen heute deutlich wahrscheinlicher sind als noch vor wenigen Jahrzehnten, belegen zahlreiche Studien: Eine 2025 im Fachjournal "Nature" erschienene Analyse zeigt, dass solche Ereignisse im Zeitraum von 2010 bis 2019 rund 200-mal wahrscheinlicher waren als im vorindustriellen Klima vor 1850. Rund ein Viertel der 213 untersuchten Hitzewellen wäre ohne den menschengemachten Klimawandel praktisch unmöglich gewesen.
Besonders stark zeigt sich dieser Trend in Europa: Einer Studie im Fachjournal "Geophysical Research Letters" zufolge hat die Zahl der Hitzewellentage in Mitteleuropa seit 1979 mehr als doppelt so schnell zugenommen wie im Durchschnitt der globalen Landfläche. Wie gross der Einfluss des Klimawandels inzwischen ist, verdeutlicht auch eine aktuelle Analyse der Forschungsgruppe World Weather Attribution (WWA): Unter den Klimabedingungen von vor 50 Jahren wäre die Juni-Hitzewelle 2026 wohl 3,5 Grad Celsius kühler ausgefallen.
Mythos 2: "Die Juni-Hitzewelle ist das Ergebnis von El Niño"
El Niño ist ein natürliches, alle paar Jahre auftretendes Phänomen, das das weltweite Wettergeschehen beeinflussen kann. 2026 ist es wieder so weit: Im tropischen Pazifik hat El Niño gerade begonnen – und Forschende spekulieren bereits, ob uns einer der stärksten der Geschichte bevorsteht. Könnte das die Ursache für die ungewöhnliche Juni-Hitze in Europa gewesen sein?
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"El Niño kann global betrachtet Hitzewellen durchaus verstärken", sagt Gornott. Für die jüngste Hitzewelle in Europa treffe das aber nicht zu: Die Effekte des Wetterphänomens seien vor allem in Südamerika, Ostafrika und Teilen Südostasiens stark ausgeprägt. "In Europa sind die Auswirkungen deutlich geringer", sagt der Klimaforscher.
Auch in der aktuellen WWA-Attributionsstudie zur Hitzewelle wurde untersucht, ob sich die aussergewöhnlichen Temperaturen im Juni durch natürliche Klimaschwankungen wie El Niño erklären lassen. Das Fazit ist eindeutig: Das Wetterphänomen spielte keine treibende Rolle – der dominante Faktor ist der menschengemachte Klimawandel.
Mythos 3: "In anderen Ländern kommen Menschen mit +35 Grad auch zurecht, wir werden uns an die neue Normalität in Europa gewöhnen"
In der Sahara, auf der Arabischen Halbinsel oder im Südwesten der USA gehören Temperaturen von über 35 Grad seit jeher zum typischen Sommerklima. Trotzdem gibt es dort Leben – warum also nicht auch in einem heisseren Europa? "Wir können uns bis zu einem gewissen Grad anpassen", sagt Gornott. "Aber das hat Grenzen und noch sind wir weit davon entfernt, funktionierende Lösungen umzusetzen. Das haben wir ja gerade gesehen."
Tatsächlich hat die Juni-Hitzewelle offenbart, wie schlecht Deutschland auf die Hitze vorbereitet ist: Der Asphalt vieler Strassen und Autobahnen wölbte sich, Stellwerke und Weichen der Bahn machten unter den Extremtemperaturen schlapp. Kliniken, Schulen und andere Gebäude heizten sich auf – und für viele Menschen gab es vor der Hitze kein Entrinnen. Die Hitzephase ab Mitte Juni hat nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) rund 5.100 Menschen das Leben gekostet.
Doch grosse Anpassungen der Infrastruktur kosten Milliarden – und brauchen Zeit. "Wir brauchen aber eine sehr schnelle Anpassung", sagt Gornott. "Die Geschwindigkeit und die Ambitionen müssten wir hier stark erhöhen. Aber das sehen wir aktuell nicht." Zudem gibt der Klimaforscher zu bedenken, dass Anpassung ihre Grenzen hat. Auch in traditionell heisseren Ländern gebe es in Hitzephasen eine hohe Zahl von Sterbefällen. "Es ist nicht so, dass die perfekt auf diese Hitzewellen eingestellt sind."
Mythos 4: "Einzelne Wetterereignisse wie die Juni-Hitzewelle kann man gar nicht auf den Klimawandel zurückführen"
Der Klimawandel selbst sorgt nicht für Regen oder Hitze – aber er verstärkt solche Wettermuster, die im schlimmsten Fall zu Extremereignissen führen können. Aber lässt sich genau sagen, wie gross der Anteil des Klimawandels wirklich ist?
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"Die Attributionsforschung hat im letzten Jahrzehnt grosse Fortschritte gemacht", sagt Gornott. "Heute lässt sich für viele Extremereignisse sehr genau abschätzen, wie hoch der menschliche Anteil ist. Eine aktuelle Analyse zeigt, dass eine vergleichbare Juni-Hitzewelle vor 50 Jahren circa 3,5 Grad kühler ausgefallen wäre und die Temperaturen, die in dieser Hitzewelle gemessen wurden, praktisch unmöglich gewesen wären."
Mythos 5: "Wissenschaftler sind sich uneins darüber, dass der Klimawandel tatsächlich menschengemacht ist"
Wissenschaft lebt vom kritischen Diskurs, doch in der Frage, ob der Klimawandel tatsächlich vom Menschen verursacht wird, herrscht überwältigende Einigkeit. "Es gibt keine wissenschaftliche Kontroverse darüber", sagt Gornott. "99 Prozent der Studien zum Thema bestätigen, dass der Klimawandel vom Menschen gemacht ist."
Bereits 2013 zeigte eine Metastudie: Von den wissenschaftlichen Arbeiten zum Klimawandel, die eine Aussage zur Ursache der Erderwärmung trafen, kamen 97 Prozent zu dem Schluss, dass sie vom Menschen verursacht wird. Seitdem ist der Konsens in der Wissenschaftswelt sogar noch grösser geworden: Eine neuere Metaanalyse aus dem Jahr 2021 kam zu dem Ergebnis, dass über 99 Prozent der Fachliteratur den menschengemachten Klimawandel stützt.
Mythos 6: "Es gab schon immer Heiss- und Kaltzeiten auf der Erde. Klimawandel ist etwas ganz Normales"
Dank Eisbohrkernen aus der Antarktis wissen wir heute, wie das Klima in den vergangenen 800.000 Jahren aussah. Dabei zeigt sich: Heiss- und Kaltzeiten gab es auf der Erde tatsächlich schon immer – doch diesmal ist es anders. "Wir sehen ganz klar, dass wir jetzt eine besonders heisse Zeit erleben, und die lässt sich nicht mehr mit natürlichen Faktoren erklären", sagt Gornott.
Zu den natürlichen Faktoren zählen etwa Veränderungen der Erdumlaufbahn, die Neigung der Erdachse oder auch Schwankungen der Sonnenaktivität. Diese sorgten in der Vergangenheit tatsächlich für globale Klimaveränderungen – allerdings auf einer Zeitskala von Jahrtausenden.
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Erdachse und Co. beeinflussen das Klima zwar auch heute, doch ihr Einfluss auf die raschen klimatischen Veränderungen seit Beginn der industriellen Revolution vor rund 175 Jahren ist dagegen gering, wie der 6. Sachstandsbericht des Weltklimarates (IPCC) feststellt. "Die Modelle zeigen eindeutig: Die beobachtete globale Erwärmung lässt sich nur erklären, wenn der menschliche Einfluss auf das Klima berücksichtigt wird", fasst Gornott zusammen.
Mythos 7: "Das 1,5-Grad-Ziel erreichen wir ohnehin nicht mehr – jetzt können wir uns nur noch anpassen"
Im Pariser Klimaabkommen haben sich die Staaten 2015 darauf verständigt, die globale Erwärmung auf möglichst 1,5 Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts zu begrenzen. Doch die Welt befindet sich auf einem anderen Kurs: Laut einer Studie aus dem Jahr 2025 könnte die 1,5-Grad-Schwelle bereits 2028 erreicht werden. Ist jetzt alles zu spät?
Dieser These widerspricht der Klimaforscher deutlich. "Technisch sind wir durchaus in der Lage, die Erwärmung nach einer vorübergehenden Überschreitung wieder auf 1,5-Grad zu senken", sagt Gornott. "Ob es politisch gelingt, ist eine andere Frage."
Auch der Weltklimarat kam 2023 in seinem Bericht zu dem Schluss, dass es weiterhin Möglichkeiten gebe, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Das erfordere jedoch sofortige und tiefgreifende Emissionsreduktionen – und je länger wir damit warteten, desto grösser werde die Herausforderung.
"Selbst wenn wir das 1,5-Grad-Limit überschreiten, müssen wir die Erwärmung so gut wie möglich begrenzen", sagt Gornott. "Jedes Zehntelgrad zählt." Denn je stärker sich das Klima erwärme, desto unkalkulierbarer würden die Risiken. "Wir müssen jetzt gleichzeitig auf Vermeidung und Anpassung setzen", meint Gornott. Die Kosten dafür seien natürlich enorm, aber: "Das ist günstiger, als mit den Schäden eines ungebremsten Klimawandels zu leben."
An den Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Civey kann jeder teilnehmen. In das Ergebnis fliessen jedoch nur die Antworten registrierter und verifizierter Nutzer ein. Diese müssen persönliche Daten wie Alter, Wohnort und Geschlecht angeben. Civey nutzt diese Angaben, um eine Stimme gemäss dem Vorkommen der sozioökonomischen Faktoren in der Gesamtbevölkerung zu gewichten. Umfragen des Unternehmens sind deshalb repräsentativ. Mehr Informationen zur Methode finden Sie hier, mehr zum Datenschutz hier.
Mythos 8: "Europa ist doch nur ein kleiner Teil der Erde. Es nützt nichts, wenn nur wir etwas gegen den Klimawandel tun"
Deutschland verursachte 2023 laut Angaben von Statista 1,6 Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen – China hingegen 34 Prozent. Lohnen sich unsere Anstrengungen allein also gar nicht?
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"Wir dürfen nicht nur auf die aktuellen Emissionen schauen", sagt Gornott. Es gehe um die Emissionen seit 1850. "Und daran waren Europa und die USA sehr viel stärker beteiligt als China oder Indien." Betrachte man den Zeitraum seit der industriellen Revolution, habe Europa einen Anteil von mehr als einem Fünftel an den Emissionen, die den heutigen Klimawandel antreiben. Zusammen mit Nordamerika seien es rund 50 Prozent. "Entsprechend haben wir hier eine Verantwortung, der wir gerecht werden müssen."
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Ausserdem gebe es einen nicht zu unterschätzenden "Nachahmungseffekt": "Als sich Europa das ambitionierte Ziel gesetzt hat, klimaneutral zu werden, haben viele Länder mitgezogen", so Gornott. "Man sollte nicht unterschätzen, welche Dynamik das entfalten kann."
Zum Gesprächspartner
- Prof. Dr. Christoph Gornott ist Agrarwissenschaftler und leitet die Arbeitsgruppe "Adaptation in Agricultural Systems" am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung und das Fachgebiet "Agrarökosystemanalyse und -modellierung" an der Universität Kassel.
Verwendete Quellen
- Interview mit Prof. Dr. Christoph Gornott
- Handelsblatt.com: "Umfrage: Zwei Drittel erkennen in Hitze den Klimawandel"
- Yougov.com: "Der Klimawandel rückt für Deutsche in den Hintergrund – trotz stabiler Überzeugung"
- kachelmannwetter.com: "Das waren die markantesten Hitzewellen"
- Fachjournal Nature, Quilcaille et al., 2025: "Systematic attribution of heatwaves to the emissions of carbon majors"
- Fachjournal Geophysical Research Letters, Yin et al., 2024: "Anthropogenic Impacts on Amplified Midlatitude European Summer Warming and Rapid Increase of Heatwaves in Recent Decades"
- Worldweatherattribution.org: "Fossil fuel emissions have rapidly worsened European heatwaves in just a few decades"
- rki.de: "RKI-Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität - Stand: Kalenderwoche 25/2026 (15.06. bis 21.06.2026)" (PDF)
- rki.de: "RKI-Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität - Stand: Kalenderwoche 26/2026 (22.06. bis 28.06.2026)" (PDF)
- Fachjournal Environmental Research Letters, Cook et al., 2013: "Quantifying the consensus on anthropogenic global warming in the scientific literature"
- Fachjournal Environmental Research Letters, Lynas et al., 2021: "Greater than 99% consensus on human caused climate change in the peer-reviewed scientific literature"
- ipcc.ch: "IPCC sixth Assessment Report, Chapter 3: Human Influence on the Climate System"
- Fachjournal Communications Earth & Environment, Kirchgast et al., 2025: "A traceable global warming record and clarity for the 1.5 °C and well-below-2 °C goals"
- ipcc.ch: "IPCC sixth Assessment Report, Chapter 3: Mitigation pathways compatible with long-term goals"